Stechbahn 20 (Korbach)

Das Haus Stechbahn 20 in den 1930ern, damals in Besitz der Familie Schönthal.
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Das Haus Nr. 20 auf der Stechbahn war ein um 1670 von Johann Dietrich Wilstach errichtetes Fachwerkhaus in der Altstadt von Korbach, das 1966 abgerissen worden ist. [1] Heute befindet sich an dieser Stelle die Straßeneinmündung Heumarkt/Stechbahn. Hinter dem Haus stand früher ein weiteres Fachwerkgebäude, später eine Scheune und eine Werkstatt/Wohnung (Stechbahn 20a). Heute trägt der 1976/77 errichtete moderne Anbau zum Haus Stechbahn 18 (Stechbahn 18a) die Hausnummer 20.

Geschichte

1. Über den beim Stadtbrand von 1664 zerstörten Vorgängerbau und seinen Eigentümer ist nichts bekannt. [2] Um 1670 errichtete Johann Dietrich Wilstach (* um 1640; begr. 27.04.1688) den neuen Bau. Er war der Sohn des Dietrich Wilstach und der Anna Engela Becker. Wilstach hatte seit 1669 die Bürgerrechte inne, war Ratsmitglied in den Jahren 1674, 1675, 1679, 1681, 1683 und 1684 sowie Pfennigmeister 1686. Er war verheiratet mit Anna Maria Juliana Scipio.

2. 1702 ging das Eigentum auf den Perückenmacher und Stadtmusikus Wolrad Wilstach (~ 05.09.1677; begr. 22.05.1714) über, Sohn von Nr. 1. Er war seit 1702 Bürger, 1706 Ratsmitglied und ist zum Jahr 1708 als Rentmeister verzeichnet. Am 1. Juni 1702 heiratete er Dorothea Margarethe Neumann (* 1685; begr. 19.02.1757), Tochter des Pfarrers Justus Neumann in Neerdar und der Anna Maria Jäger. Das Paar hatte wenigstens drei Kinder: Johann Justus Wilstach (Nr. 3), Johann Henrich Conrad Wilstach (Professor-Bier-Str. 11) und Engel Catharina Wilstach (Marktplatz 3a). Nach dem frühen Tod ihres Mannes heiratete Dorothea Margarethe Neumann am 16. Juni 1716 in zweiter Ehe den Stadtmusikus Matthäus Buhl (Stechbahn 5).

3. Der Milizrezeptor und Stadtmusicus Johann Justus Wilstach (~ 11.08.1706; begr. 29.10.1756), Sohn von Nr. 2, wird 1754 (?) [3] neuer Besitzer des Hauses. Er war Bürger seit 1735 und heiratete am 1. Januar 1736 Anna Elisabeth Hampe (begr. 26.03.1746, 34 Jahre). Eine zweite Ehe ging er am 29. November 1747 mit Maria Adolphina Eleonore Speirmann (~06.05.1718; 27.03.1771) ein, jüngste Tochter des Bürgermeisters Justus Speirmann und der Catharina Elisabeth Clara Bruder. Aus der Ehe ging mindestens ein Kind hervor: Justina Christiane Elisabeth Wilstach, die Arnold Wilhelm Schumacher (Im Tempel 6) heiratete. Justus Wilstach erwarb 1756 auch das hinter dem Haus gelegene Grundstück, auf dem das Haus des Franz Berent Gräbe gestanden hatte, das 1754 abgebrannt war.

4. Im Jahr 1735 wird Carl Christian Wilstach (~ 16.02.1738; ?), Sohn von Nr. 3, Bürger seit 1764, als neuer Eigentümer eingetragen.

5. Hinsichtlich des nächsten Eigentümers liegt bei THOMAS (wie Anm. 1) wahrscheinlich ein Irrtum vor. THOMAS gibt an:

Im Jahr 1768 habe der Hutmacher und Kaufmann Franz Adolf Wilhelm Curtze (~ 25.02.1730; 17.03.1802) das Grundstück erworben. Er war der Sohn des Johann Jost Curtze und der Anna Elisabeth Neumann. Am 31. Juli 1754 heiratete er Sophie Magdalene Brilon (* 1711; 22.04.1781), Tochter des Hermann Philipp Brilon und der Eva Catharina Brinkmann. Sie war in erster Ehe verheiratet mit Johannes Hampe. Curtze erwarb 1767 die Bürgerrechte und ging am 21. August 1781 eine zweite Ehe mit Catharina Wilhelmina Götte ein (~ 28.03.1745; 02.06.1786), älteste Tochter des Bäckermeisters Johannes Götte und der Christiane Elisabeth Asmuth. In dritter Ehe heiratete er schließlich am 29. April 1788 Maria Catharina Limpert (* um 1727; 12.11.1804), Tochter des Caspar Limpert. Sie war zuvor ebenfalls bereits zweimal verheiratet und zwar in erster Ehe seit dem 3. September 1766 mit Johannes Neumann und seit dem 8. Juni 1770 mit Johann Henrich Küthe.

Zutreffend dürfte jedoch sein, daß der Erwerber Franz Adolph Curtze (* März 1738; 22.09.1804) war. Er heiratete im Jahr 1767 Friederike Schreiber (* 08.11.1740 in Adorf; 1804), Witwe des Friedrich Brüne in Mengeringhausen. Aus dieser Verbindung ging Nr. 5 hervor. [4] Offenbar hat THOMAS die beiden Personen aufgrund der Ähnlichkeit der Namen und Lebensdaten verwechselt.

5. 1811 übernimmt der Hutmacher und Stadtoffizier Johann Daniel Curtze (~ 13.01.1768; 24.04.1819) das Anwesen. Er war der zweite Sohn von Nr. 5. Die Bürgerrechte erwarb er 1796 und heiratete am 16. Juni 1797 Maria Philippine Brüne, zweite Tochter des Richters Friedrich Ernst Brüne zu Adorf. Eine zweite Ehe ging er am 19. Oktober 1814 mit Sophie Elisabeth Heiner (* 09.05.1788 in Münden) ein, Tochter des Pfarrers Ludwig Friedrich Christian Heiner in Münden und der Johannette Dorothea Waldschmidt aus Adorf. Sie heiratete am 3. November 1822 in zweiter Ehe den Kronenwirt Josias Friedrich Götte, Lengefelder Straße 3.

6. Neuer Eigentümer wird im Jahr 1827 der Schwager von Nr. 5, Johann Friedrich Christian Schultze (* 07.06.1797; 05.11.1861). Er war der jüngste Sohn des Schumachermeisters Johannes Schultze und der Joh. Margarethe Engelhard. Er erwarb 1815 die Bürgerrechte und war in den Jahren 1828 und 1829 Schützenkönig. Am 17. August 1828 heiratete er Maria Theresia Heiner (* 09.01.1799 in Münden; 10.07.1842), jüngste Tochter des Pfarrers Ludwig Friedrich Christian Heiner in Münden und der Johannette Dorothea Waldschmidt aus Adorf. Sie war die Schwester des zweiten Ehefrau von Nr. 5. Eine zweite Ehe ging er am 25. Juni 1843 in Wünneberg, Kreis Büren, mit Anna Margarethe Schön ein (* Juli 1813 in Unterhaun bei Hersfeld; 15.05.1879). Im Jahr 1829 gründete der Sohn von Nr. 5, Carl Christian Curtze, in dem Haus das nach heute bestehende Geschäft "C.C. Curtze", das zunächst ein Kolonialwarenhandel war. Für 10 Thaler mietete er in seinem Elternhaus Geschäftsräume, verlegte den Betrieb jedoch schon 1834 in die Klosterstraße 5 und 1839 in die Professor-Bier-Straße 12, wo sich noch heute der Stammsitz des Geschäftes befindet. [5]

7. Schultze veräußerte das Gebäude 1847 an den Kaufmann Carl Alexander Wilhelm Ferdinand Müller (* 01.05.1814; ?), Sohn des Kaufmanns Christian Müller und der Susanne Dorothea Engelhard. Er erwarb 1841 die Bürrgerechte und heiratete am 11. Juli 1847 Louise Wilhelmine Friederike Caroline Schaedla (* 05.07.1826; ?), Tochter des Bürgermeisters und Schönfärbers Christoph Schaedla und der Wilhelmine Fritzner. Da die Todesdaten der Eheleute in den Korbacher Kirchenbüchern offenbar nicht vermerkt sind, scheint die Familie aus Korbach fortgezogen zu sein.

8. Im Jahr 1878 wurde der jüdische Kaufmann Baruch Adler neuer Eigentümer. Weitere Daten von ihm sind nicht bekannt. Vielleicht ist Abraham Baruch aus Berndorf gemeint, der 1858 zunächst das Haus Katthagen 1, 1867 das Haus Entengasse 2 und 1869 das Haus Hinter dem Kloster 15 erwarb. Er wird nur bis 1879 im Korbacher Gewerberegister erwähnt. [6]

9. Fünf Jahre später, 1883, ging das Eigentum auf den jüdischen Kaufmann Jakob Schönthal über (*25. Dezember 1842 in Marienhagen; 3. Januar 1908), der dort eine Lederwarenmanufaktur und -handlung betrieb. Er war des Sohn des Handelsmanns Liebmann Schönthal und der Johanna Mehrgeld, beide aus Marienhagen. Am 22. August 1878 heiratete er in Adorf Johanna Mosheim (* 05.05.1855 in Adorf; 22.03.1933), Tochter des Kaufmanns Eli Mosheim und der Röschen Löwenstern, beide aus Adorf. [7] Das Paar hatte fünf Kinder: Frieda (* 21.10.1879; KZ Auschwitz), Albert (* 25.05.1881; ?), Meta (* 20.09.1883; KZ Ausschwitz); Erich (* 17.02.1887; 04.03.1919) und Max (* 17.02.1887; 20.09.1972 in Berlin-Buckow).

10. Meta Schönthal, die mit dem Tode ihrer Mutter Johanna im Jahr 1933 Eigentümerin des Hauses wurde, führte das elterliche Geschäft bis 1938 weiter, mußte es in diesem Jahr jedoch aufgeben und das Haus verkaufen. Sie wohnte danach bei der Familie Lazarus in der Grabenstraße 3. Im Mai 1942 wurde sie deportiert.[8]

11. Der Klempnermeister Christian Figge (* 22.09.1890 in Schwalefeld; ?) erwarb 1938 das Gebäude. Er war der Sohn des Handelsmanns Christian Figge und der Johanette Vogel. Er heiratete am 15. März 1913 in Essen die Helene Niederhausen (* 06.06.1891 in Leuscheid/Krs. Siegen; ?), Tochter des Bergmanns Wilhelm Niederhausen und der Wilhelmine Weynand aus Bonhof, Kreis Siegen. Figge mußte nach dem Krieg an die Erben der Familie Schönthal für das Haus eine Entschädigung zahlen, hatte es also offenbar unter Wert erworben. Das Haus wurde am 1. Juli 1966[9] wegen Baufälligkeit abgerissen. Heute findet sich an dieser Stelle der Vorplatz des Hauses Nr. 22 sowie der Mündungsbereich der Straßen Heumarkt/Stechbahn. In den 1950/60er Jahren befand sich im Erdgeschoß, rechts der Eingangstür, das "Elektro - Radiohaus Martin Strauss".

Bilder

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Anmerkungen

[1] Hermann THOMAS (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 5, Stechebahn - Violinenstraße - Heumarkt - Am Steinhaus, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1959, S. 32-35.
[2] Alle folgenden Daten, soweit nicht anders vermerkt, nach THOMAS (wie Anm. 1). Falls nicht anders angegeben, sind alle genannten Personen in Korbach geboren und gestorben.
[3] Bei THOMAS (wie Anm. 1) ist das Jahr 1764 angegeben. Das kann jedoch nicht zutreffen, falls das Todesjahr 1756 richtig ist. Offenbar wurde bei THOMAS das ursprünglich getippte Jahr 1754 mit "1764" überschrieben.
[4] Helmut NICOLAI/Wilhelm HELLWIG/Ingeborg MOLDENHAUER (Bearb.), Waldeckische Wappen, Beiträge zur Familiengeschichte, Teil 3, Waldeckischer Geschichtsverein (Hrsg.), Arolsen 1991, Curtze I/II, S. 152-153.
[5] Vgl. die Angaben auf der Webseite der Firma C. C. Curtze (Webseite nicht mehr vorhanden. Stand: 23.02.2016); Hermann THOMAS/Karl WILKE (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 2, Professor-Bier-Straße - Hinter dem Kloster - Bunsenstraße, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.), 2. Auflage 1998, S. 71.
[6] Karl WILKE (Bearb.), Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Korbach, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1993, S. 100.
[7] WILKE (wie Anm. 5), S. 244.
[8] WILKE (wie Anm. 5), S. 245; vgl. auch Arbeitsgemeinschaft Spurensicherung des Kommunalen Jugendbildungswerks der Kreisstadt Korbach, Judenverfolgung in Korbach, Korbach 1989, S. 95. Dort heißt es, Meta Schönthal habe das Haus Stechbahn 20 noch bis zum 16. Januar 1942 bewohnt und sei erst dann zu Louis Lazarus in die Grabenstraße 3 gezogen. WILKE gibt irrtümlich die Hausnummer 2 an.
[9] Wilhelm HELLWIG (Bearb.), Chronik der Stadt Korbach, Band 1 (1960-1969), Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1980.