Stechbahn 14 (Korbach)

Das Haus Stechbahn 14 im April 2015.
Anklicken für größere Version.

Das Haus Nr. 14 auf der Stechbahn ist ein 1886 von dem Buchbinder Karl Hintzmann errichteter Ziegelsteinbau in der Altstadt von Korbach. [1] Rückwärtig ist das Haus teilweise in Fachwerkbauweise ausgeführt. Das Haus entstand 1886 auf der Brandstätte eines dort bis zum großen Stechbahnbrand von 1885 stehenden Fachwerkhauses.

Geschichte

1. Das 1885 abgebrannte Fachwerkhaus war Ende des 17. Jahrhunderts nach dem großen Stadtbrand von 1664 von Otto Henrich Waldecker errichtet worden. Waldecker hatte schon das vorher an dieser Stelle gestandene Haus besessen. Im Verzeichnis der Brandgeschädigten von 1664, Altstadt, Nr. 24, heißt es: "Waldecker Otto, Haus mit 6 Personen bewohnt". Über die Vorgängerbauten und deren Eigentümer ist nichts weiter bekannt. Fast zeitgleich, 1667, errichtete sein Sohn Samuel Waldecker das gegenüberliegende Fachwerkhaus Stechbahn 7, das heute noch steht.

2. Im Jahr 1689 übertrug Otto Henrich Waldecker das Eigentum an dem Haus auf seinen Sohn Johann (Jost) Henrich Waldecker (* 1644; begraben am 24.11.1713 mit 67 Jahren). Er war verheiratet mit einer Edeling ... (* um 1657; begraben am 09.12.1722 mit 65 Jahren). Jost Henrich Waldecker hatte 1689 das Bürgerrecht erworben, war Unterbürgermeister und Procurator. Er hatte mindestens ein Kind: Anna Engel Waldeck (1693-?), welche Johann Justus Curtze heiratete (Hinter dem Kloster 25 und Am Steinhaus 4). Seine aus jener Ehe hervorgeganene Enkelin Johanna Dorothea Curtze (1717-1781) heiratete in das Nachbarhaus Stechbahn 10 ein.

3. 1726 wurde der Goldschmied Johann Reinhard Esau (~ 05.12.1688; begr. 11.09.1726) Eigentümer des Hauses. Er hatte seit 1713 die Bürgerrechte inne und war in den Jahren 1725 und 1726 Ratsmitglied. Er war der Sohn des Goldschmieds Urban Fritz Esau (Klosterstraße 20) und der Maria Elisabeth Waldecker. Sie war die Tochter des Samuel Waldecker und somit Nichte des vorgenannten Jost Henrich Waldecker sowie Enkelin von Nr. 1. Am 17.November 1723 heiratete er in Soest Maria Elisabeth Weinhagen. Aus der Ehe ging mindestens ein Kind hervor: Anna Maria Elisabeth Esau (~ 26.12.1725).

4. Esaus Witwe, Maria Elisabeth, geborene Weinhagen aus Soest (* um 1704; begraben am 11.05.1742 mit 38 Jahren), Bürgerin seit 1724, ging am 6. Mai 1729 eine zweite Ehe mit dem Buchbinder Jost Henrich Jäger ein, welcher hierdurch in jenem Jahr neuer Eigentümer des Hauses wurde. Er war der Sohn des Buchbinders Johann Georg Jäger und der Margarethe Marie Koch. [2] Jost Henrich Jäger hatte seit 1729 die Bürgerrechte inne und war im Jahr 1745 Ratsmitglied. Aus der Ehe mit Maria Elisabeth Weinhagen gingen mindestens zwei Kinder hervor: Georg Ulrich Jäger (Kleine Gasse 1) und Anna Catharina Elisabeth Jäger (Kirchstraße 12). Nach dem Tode Maria Elisabeths heiratete er 1742 die Maria Christiane Schenne (* 1699; begraben 11. August 1760 mit 61 Jahren), Bürgerin seit 1742, Tochter des Pfarrers und Visitators Johann Schenne in Bergheim und der Catharina Elisabeth Wahl. Im Güterverzeichnis von 1757, S. 399, findet sich der Eintrag: "Jäger, Jost Henrich, Wohnaus auf der Stechebahn zwischen Rat Hugen (Nr. 16) und Kaufmann Pann (Nr. 12). Das Haus hat das Braurecht." Jägers Ururenkelin, Luise Lückel, geb. Jäger, bewohnte rund 130 später das Nachbarhaus Stechbahn 12.

5. Im Jahr 1764 erwarb der "Schutzjude" Levmann Amulet Katz das Grundstück. Zu einem unbekannten Zeitpunkt, spätestens 1784 (s.o.), ging das Eigentum auf den "Schutzjuden" Abraham Gottschalk über.

Im Brandkassenregister von 1784, Nr. 153, ist über das Haus folgendes vermerkt: "Schutzjude Gottschalk, Wohnhaus aus Fachwerk mit Anbau, 34 x 40 Fuß groß (ca. 10,7 x 12,5 m), Wert 400 Thaler." Das Haus wird im Waldeckischen Intelligenzblatt vom 08.04.1794 mit folgender Anzeige zur Zwangsversteigerung angeboten:

"Mittwochs, den 21ten May sollen nachstehende den Gottschalk Abrahamschen Eheleuten dahier gehörige Mo- und Immobilien schuldenhalber im 20fl. Fuß gegen gleich baare Zahlung ans Meistgeboth öffentlich verkauft werden: Das auf der Stechebahn zwischen Herrn Amts-Assessoris Schumachers und weil. Accisreceptors Panns Erben Häusern stehende Wohnhaus mit Zubehör."

6. Die 1794 eingeleitete Zwangsversteigerung hat offenbar nicht zeitnah zu einem Erfolg geführt, denn erst 1806 wird als neuer Eigentümer der Bäckermeister Johann Henrich Christian Justus Hartwig eingetragen (* 11.08.1780; + 09.05.1853). Er war der älteste Sohn des Bäckermeisters Henrich Christian Hartwig (Kirchstraße 1 und 3) und der Marie Margarethe Dietrich. Hartwig hatte seit 1806 die Bürgerrechte inne und war zeitweilig Unterbürgermeister der Stadt. In den Jahren 1809, 1814, 1815, 1827 und 1838 war er Dechant der Bäckerinnung und seit dem 28. November 1806 mit Maria Juliane Urspruch (* 05.12.1784; + 15.10.1859) verheiratet. Sie war die älteste Tochter des Milizrezeptors Friedrich Urspruch und der Henriette Elisabeth Schlömer. Johann Henrich Christian Justus Hartwig erbaute 1841 das Haus Ascher 18.

7. Letzter Eigentümer des Fachwerkhauses wurde 1850 schließlich der Sohn des vorgenannten Henrich Christian Hartwig, der am 14.04.1820 geborene Ludwig Heinrich Wilhelm Hartwig. Wie sein Vater war er Bäckermeister und bekleidete in den Jahren 1857-58 ebenfalls das Amt des Dechanten. Er heiratete am 4. Juni 1848 Christiane Wilhelmine Louise Urspruch (* 28.09.1828; 31.03.1869), Tochter des Bürgermeisters und Schmiedemeisters Henrich Urspruch und der Johannette Louise Friederike Vesper. Nach Hartwig Tod am 21. Dezember 1863 verheiratete seine Witwe sich am 7. Februar 1865 in zweiter Ehe mit dem 14 Jahre jüngeren Bäckermeister Johann Henrich Bernhard (* 28.02.1842 in Bühle). Hartwig war auch Eigentümer des benachbarten Hauses Stechbahn 12. Einer seiner Enkel war der Am Steinhaus 2 wohnende Metzgermeister Heinrich Saake.

8. Karl Hintzmann (* 10.10.1853 in Teterow; 08.06.1910), Sohn des Apothekergehilfen Ehrenfried Hintzmann und der Lucie Müller in Teterow, erwarb das Haus von seinem Schwiegervater, dem Bäckermeister Heinrich Hartwig. Seit dem 29. Mai 1881 war er mit dessen Tochter Hermine Henriette Marie Doris Hartwig verheiratet (* 19.03.1854; 20.04.1932 in Köln-Widdersdorf).

9. Schon 1899 veräußerte Hintzmann den Neubau an den jüdischen Kaufmann Louis Schartenberg (* 20.10.1870 in Zierenberg; 03.02.1921), Sohn des Metzgers Moses Schartenberg und der Sarah Israel aus Zierenberg. Er heiratete 1896 Sophie Katz (* 22.04.1865) aus Helsen, Tochter des Kaufmanns Michael Katz und der Rica Heilbrunn. [3] Schartenberg war 1899 aus Arolsen zugezogen und eröffnete in dem Haus ein Geschäft für Manufakturwaren sowie Herren- und Damenkonfektion; die Firma wurde nach seinem Tode von seiner Tochter Martha (* 19.11.1900) weitergeführt und im Jahr 1926 von seinem Schwiegersohn Max Nußbaum (* 13.06.1894 in Fulda) übernommen, der es alas Stoff- und Wäschehaus betrieb. [4] Kurzzeitig gehörte vom 6. Juli 1933 bis 15. September 1933 auch die am 14. April 1911 in Fronhausen (Krs. Marburg) geborene Irma Löwenstein als Hausgehilfin zum Haushalt der Familie Nußbaum, bevor sie nach wenigen Wochen wieder nach Fronhausen zurückkehrte.[5] Sophie Katz zog 1936 nach Frankfurt/Main. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Ihre Tochter Martha emigrierte mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern (* 08.01.1930 und 27.08.1931) nach Brasilien. Margot David, geborene Nußbaum (* 27.08.1931) besuchte 1987 noch einmal ihre Heimatstadt.[6]

10. Die Erben von Louis Schartenberg mußten das Haus 1936 unter Wert an den Kaufmann Alfred Völker (* 19.10.1907 in Faulungen; ?) veräußern. Er war der Sohn des Gastwirts August Völker aus Faulungen und der Theresia Hardegen aus Lengenfeld unterm Stein. Völker heiratete am 25. August 1934 Josefine Wiemers (* 07.06.1913 in Bonenburg), Tochter des August Wiemers aus Menne und der Marie Rose aus Bonenburg. Völker mußte nach dem Krieg an die Erben von Louis Schartenberg noch einmal eine größere Abstandssumme zahlen. Völker richtete in dem Haus ein Schuhgeschäft ein, das er zunächst in dem gegenüberliegenden Haus Stechbahn 7 betrieben hatte. Zu diesem Zweck wurde das Erdgeschoß umgebaut. Die ursprünglich in der Mitte gelegene Eingangstür wurde nach rechts und die Schaufenster auf die linke Seite des Hauses verlegt, spiegelbildlich zu der heutigen Anordnung der Türen und Schaufenster im benachbarten Haus Stechbahn 12.

11. Seit dem Auszug der Familie Völker hat das Haus bislang zweimal den Eigentümer gewechselt. Heute sind in dem Gebäude mehrere Mietwohnungen eingerichtet.

In den 1980ern bis 2000er Jahren fand sich unter verschiedenen Namen eine Gaststätte im Erdgeschoß, u.a. das Valentino, Harlekin, Dirks Irish und Whiskey Pub, Hanna's und zuletzt Stechbahn 14. Die Schaufenster wurden Anfang des 21. Jahrhunderts durch Mauerwerk und normale Fenster ersetzt, die Gaststättenräume um 2008 in Wohnraum umgewandelt. Wie auch bei den Nachbargebäuden Nr. 5, 10 und 12 ging der originale Charakter des Hauses durch die mehrfachen Umbauten der Parterre verloren. Heute hat unter den nach dem Stadtbrand von 1885 errichteten gründerzeitlichen Bauten nur das Haus Nr. 16 seine alten Geschäftsräume und seine ursprüngliche Fassade bewahrt - von dem verklinkerten Sockel und der modernisierten Eingangstreppe abgesehen.

Bilder

Anklicken für größere Versionen.

Anmerkungen

[1] Soweit nicht anders vermerkt, sind alle Angaben entnommen aus: Hermann THOMAS, Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 5, Stechebahn, Violinenstraße, Heumarkt, Am Steinhaus, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1959, S. 23-24. Falls nicht anders angegeben, sind alle genannten Personen in Korbach geboren und gestorben bzw. begraben.
[2] Aus der Buchbinderfamilie Jäger stammte auch die Luise Jäger, welche rund 100 Jahre später in das Nachbarhaus Stechbahn 12 einheiratete.
[3] Karl WILKE (Bearb.), Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Korbach, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1993, S. 239. Louis Schartenbergs Schwester, Ida Katz, geborene Schartenberg (* 02.02.1873 in Zierenberg), starb am 6. März 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Vgl. den Eintrag auf Holocaust.cz, wie auch die ehemalige Nachbarin ihres Bruders, Johanna Markhoff.
[4] WILKE (wie Anm. 3), S. 216, 239.
[5] WILKE (wie Anm. 3), S. 272.
[6] Die zu diesem Besuch erschienenen Zeitungsartikel in der Waldeckischen Landeszeitung und der Waldeckischen Allgemeinen, Ausgaben vom 26. August 1987, sind abgedruckt bei WILKE (wie Anm. 3), S. 216.