Franziskanerkloster Korbach

Rekonstruktionszeichnung des Franziskanerklosters.
Unbekannter Künstler (Horst Lessing?). Anklicken für größere Version.

Das Franziskanerkloster in der Klosterstraße 11 in Korbach war das einzige selbständige Kloster in Korbach und das letzte in der Grafschaft Waldeck gegründete Kloster. Es bestand aufgrund der Reformation nur in der Zeit von 1487 bis 1566. Von dem Gebäude sind nur noch wenige Mauerreste erhalten. An seiner Stelle steht heute die sogenannte Klosterschule. [1]

Geschichte

Das Kloster wurde am 9. Juli 1487 durch die Grafen Philipp II., Heinrich VIII. und Otto IV. von Waldeck gegründet. Über eventuelle Vorgängerbauten des Klosters ist nichts bekannt. In einer Urkunde vom 26. Mai 1415 ist von einem Haus der Eheleute Gerlach die Rede, das sich in der Neustadt, an dem "Wüsten Tor" (wosten dore), oberhalb des Hospitals (heute Klosterstraße 13, 15, 17) befunden habe. [2] Die Ortsbeschreibung stimmt in etwa mit dem Grundstück des späteren Klosters überein. Das "Wüste Tor" war das Verbindungstor zwischen Altstadt und Unterneustadt und lag direkt neben dem Tränketor. Dies korrespondiert mit dem Bericht des waldeckische Geschichtsforschers Johann Adolph Theodor Ludwig Varnhagen: [3]

"Zum Klosterbau wurden unten in der Neuenstadt ein Platz neben den Hospitalgebäuden und an der inwendigen Stadtmauer genommen, zwischen dem Tränke- und Berndorferthore, doch näher bei ersterm, und weil die Gegend bebaut war, mußten etliche Häuser ihren Besitzern abgekauft, und mit gemeiner Stadt deshalben eine Abkunft getroffen werden."

In der Klosterkirche war eine Inschrift mit folgendem Wortlaut angebracht: "Da man schrieb MCCCC achtzig sechs und ein, da ward hier gelegt der erste Stein". [3a] Nach der Auflösung des Franziskanerklosters im Jahr 1566 übernahm die Stadt die Gebäude und verlegte dorthin die Bürgerschule. Im Jahre 1579 wurde das am 24. September 1577 durch die Grafen Wolrad II. und Josias I. von Waldeck gegründete Gymnasium, die heutige Alte Landesschule, in das Gebäude gelegt.

Trotz der Auflösung des Klosters erhoben die Franziskaner weiter Ansprüche auf das Gebäude. Am 1. Mai 1637 beurkundet der Notar Henrich Althausen in Korbach die ihm von dem waldeckischen Kommissar und Hofgerichtsassessor Georg Heise (In der Pforte 1) überbrachte Protestation des Grafen Wolrad von Waldeck gegen den Anspruch der Franziskaner auf das Gymnasium in Korbach, wie er durch den Franziskanerpater Felix Loch, der in die Wohnung des Rektors des Gymnasiums, Heinrich Soltzers (Kirchstraße 22), eingedrungen war, erhoben wurde. [4]

Im Siebenjährigen Krieg wurde das Gebäude fast vollständig zerstört, der Ostflügel in den Jahren 1758/59 abgebrochen, 1760 Teile des Mauerwerks für den Bau einer französischen Feldbäckerei verwendet. Der Abbruch der restlichen Gebäude erfolgte zwischen 1765 und 1768. [4a]

In den Jahren 1770 bis 1774 wurde das heutige Gebäude durch den waldeckischen Baudirektor und Major Johann Matthias Kitz neu errichtet. Es wurde nach dem Bauherrn Fürst Friedrich von Waldeck "Friedericianum" genannt.

Äußeres Erscheinungsbild

Das Gebäude des ehemaligen Franziskanerklosters um 1605 auf einem Stich von Wilhelm Scheffer, genannt Dilich. Im Vordergrund links das Tränketor.
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1. Vom ursprünglichen Erscheinungsbild des Klosters ist wenig überliefert. Der auf den Grundmauern errichtete Neubau des Landesgymnasiums aus dem 18. Jahrhundert läßt darauf schließen, daß das Hauptgebäude des Klosters, nämlich die der Klosterstraße zugewandte Klosterkirche, ähnliche Ausmaße hatte und rückwärtig über einen den Garten umschließenden Kreuzgang verfügte. Zweifelhaft ist die Angabe, es habe sich um einen Fachwerkbau aus Eichenholz gehandelt. [5] Da die Grundmauern und der Rest des Kreuzgangs aus Stein errichtet sind, dürfte allenfalls an ein Fachwerkobergeschoß zu denken sein, vielleicht ähnlich dem Dekanatsgebäude in Hofgeismar. Wahrscheinlich bezieht sich diese Angabe aber auf die Nebengebäude mit dem hinter der Klosterkirche liegenden Kreuzgang. Einen Eindruck vom der ehemaligen Gestalt der Klosterkirche könnte die noch bestehende Minoritenkirche in Fritzlar geben, die ähnliche Ausmaße hat.

Der ehemalige Kreisbaurat Hilmar G. STOECKER berichtete anläßlich der beginnenden Arbeiten an den Erweiterungsbauten der Alten Landesschule im Jahr 1959 folgendes über das Aussehen der alten Klosteranlage: [5a]

"Aus dem Grundrißplan in der Korbacher Flurkarte von 1749 und aus dem Stadtbild von 1648 läßt sich ungefähr die Stellung der Gebäude ermitteln, wie sie der Grundriß zeigt. Das Modell im Heimatmuseum gibt zudem ein anschauliches Bild der alten Klosteranlage.

Den Abschluß zur Straße bildete die Kirche. Sie war einschiffig unter schiefergedecktem Steildach mit einfacher Innenausstattung und hatte an der Straßenseite fünf Strebepfeiler. Den Ostabschluß bildete ein dreiachtel Chor. Etwa am Choransatz befand sich ein Dachreiter mit spitzem Turmhelm. Der Zugang zur Klosteranlage war westlich der Kirche etwas zurückgesetzt, so daß das Gotteshaus auch von der Stadt her betreten werden konnte.

Nach Norden schoben sich vor die Kirche zwei Querbauten, in denen sich die Unterkünfte der Mönche befanden. Ein Kreuzgang im Untergeschoß umschloß den kleinen Hof, von dem noch einige Spitzbogenarkaden erhalten sind. Den nördlichen Abschluß bildete das Refektorium, ebenso wie die Flügelbauten zweigeschossig. Die Fundamente wurden bei den Baggerarbeiten angeschnitten. Ein weiterer Flügel war ebenfalls nördlich vorgeschoben, in dem die Wirtschaftsräume und Krankenstuben untergebracht waren, und der als einziger Bauteil einen Keller besaß. Die Reste des Kellers wurden später im sogen. 'Pesthäuschen' verwertet und haben jetzt dem Neubau weichen müssen. Die Festigkeit des Mauerwerks nach 470 Jahren hat den Arbeitern manchen Schweißtropfen gekostet.

Der alte, erst 1933 zugeworfene Ziehbrunnen befand sich ebenfalls hier und wurde bei den Erdarbeiten kürzlich freigelegt. Ein anderes Gemäuer wurde ebenfalls bei den Arbeiten sichtbar, als die große Linde fiel: ein quadratisches Mauerwerk von 1 1/2 Meter im Geviert, das wohl an das alte Wirtschaftsgebäude anschloß. Es wird sich um die alte Abortgrube handeln, wofür auch ein seitlicher Abfluß an der Sohle des Gemäuers spricht. Diese Reste mußten ebenso abgetragen werden.

Auch einen Garten und einen Begräbnisplatz östlich des Chores umschlossen die Klostermauern, die von der Nordseite einen zweiten Zugang freiließen. Die neue Planung sieht nun hier wieder den zweiten Schulzugang vor, als kürzeste Verbindung zum Verkehrszentrum am Berndorfer Torplatz.

[...]

Der alte Klosterwestflügel wich 1788 einem Schulerweiterungsbau, wobei man das Untergeschoß teilweise erhielt, so daß hier noch einige Sandsteinbogen des Kreuzganges zu sehen sind. Das Obergeschoß wurde in Fachwerk ausgeführt und mit Bruchsteinen ausgemauert. 170 Jahre steht jetzt dieser Flügel und ist in seiner Bausubstanz recht schadehaft geworden. Die Decken haben sich gesenkt, und die Balken sind teilweilse gebrochen. So soll dieser Flügel am Ende der Umbauarbeiten abgetragen werden und den Schulhof vergrößern. Die letzten Reste der gotischen Klosteranlage - und die zwei Kreuzgangbögen - aber sollen erhalten bleiben."

2. Von dem alten Franziskanerkloster existieren nur noch einige Grundmauern, ferner ein im Hinterhof befindlicher Rest des Kreuzgangs mit zwei Spitzbogenarkaden, an deren östlicher Seite ein alter, nicht mehr vollständig erhaltener Grabstein des Abtes Jacob Altena [6] angebracht ist. Die rechts abgeschnittene Inschrift lautet:

AN[N]O D[OMI]NI 15[64]
3 JUNII OBIIT [VE]
NERABILIS FR[..] oder PA[..]
COB9 ALTENA[..]
G[U]ARDIA[N]9 HU[IUS]
LOCI

(Im Jahre des Herren 15[64], den 3. Juni, starb der ehrwürdige Bruder(?)/Pater(?) Jacobus Altena Guardianus [= Hüter, Abt der Franziskaner] an diesem Ort)

Der Grabstein wurde 1959 beim Bau des Hauses Grabenstraße 11a wiederentdeckt. Er befand sich als Pflasterstein in einer ehemaligen Mistenstätte. [6a] Der damalige Schulleiter der Alten Landesschule Korbach schrieb in seinem Jahresbericht über das Schuljahr 1959/60: [7]

"An der schmalen Seite des Ehrenmals auf dem Hofe konnte ein glücklicher Fund aus der Klosterzeit, der Grabstein eines Guardians im alten Franziskanerkloster, befestigt werden. Er wurde bei Ausschachtungsarbeiten am Butterturm zutage gefördert und uns von Herrn Willi Back freundlich überlassen. Der Stein ist augenscheinlich einmal für Bauzwecke zugerichtet und dadurch an der rechten Seite stark beschädigt worden, so daß die Inschrift nicht ganz wiederhergestellt werden kann; es bleibt das genaue Todesjahr und der Herkunftsort des Bruders im Ungewissen. Die Inschrift lautet bei Auflösung der Kürzungen und vorsichtiger Ergänzung: ANNO DOMINI 15(1?) 3 JUNIUS OBIIT (VE)NERABILIS PATER (JA)COBUS ALTENA(US) GARDIANUS HUIUS LOCI."

Der Stein hat heute eine Höhe von 120 cm, eine Breite von 50 cm und eine Tiefe von 12 cm. [8] HELLWIG (wie Anm. 6) weist zudem auf eine kleine, fast quadratische Vertiefung von ca. 2x2 cm im unteren Teil des Steines hin, die von der unbeschädigten linken Seite aus gemessen 29 cm und 12 cm vom Boden entfernt liegt, was auf eine ursprüngliche Gesamtbreite des Steines von ca. 60 cm hinweise, falls die Vertiefung einst in der Mitte des Steines lag.

Jakob Altena war von 1547 bis 1564 Guardian des Franziskanerklosters und entschiedener Gegner der Reformation. Unter ihm kam es noch einmal zu einer Stabilisierung des Klosters und des Widerstands gegen die gräfliche Kirchenpolitik. [9] Er starb am 3. Juni 1564 in Korbach und wurde vor dem Hochaltar in Korbach bestattet. [10] Sein Nachfolger wurde 1564 Kaspar Nagel. [11]

Angehörige

Folgende Angehörige des Klosters sind namentlich überliefert:

Antonius Busch, Guardian (um 1509)
Antonius Attendorn, Guardian (vor 1545-1547)
Jakob von Altena, Guardian (1547-1564)
Kaspar Nagel, Guardian (1564-1566)
Johannes Heller († 5. Februar 1537 im Kloster Brühl als dortiger Vizeguardian) [12]

Ein Mönch, der mehrere Altarbilder schuf, namentlich aber nicht bekannt ist, erhielt den Notnamen Korbacher Franziskanermaler.

Bilder


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Anmerkungen

[1] Hermann THOMAS (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 1, Professor-Kümmel-Straße und Klosterstraße, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1956, S. 77. Soweit nicht anders vermerkt, sind alle folgenden Angaben hieraus entnommen.
[2] Stadtarchiv Korbach (Hrsg.), Korbacher Urkunden - Regesten, Band 1, Korbach 1997, S. 16, Nr. 40.
[3] Johann Adolph Theodor Ludwig VARNHAGEN, Grundlage der Waldeckischen Landes- und Regentengeschichte, Zweiter Band, Arolsen 1853, S. 95.
[3a] VARNHAGEN (wie Anm. 3); Philip KNIPSCHILDT, Corbachische Chronik bis zu dem Jahre 1623, S. 150 (Anm. cc), in: Johann Adolph Theodor Ludwig VARNHAGEN (Hrsg.), Sammlungen zu der Waldeckischen Geschichte älterer und neuerer Zeit, Erster Theil, Mengeringhausen 1780.
[4] Bernd KRÖPELIN (Bearb.), Korbacher Urkunden - Regesten, Band 5, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1998, S. 338, Nr. 11074.
[4a] VARNHAGEN (Knipschild-Chronik, wie Anm. 3a), S. 149, Anm.
[5] Karl SCHÄFER, Schwalefelder Flurbezeichnung "Auf dem Altar" - Korbacher Mönche schlugen hier Holz für den Bau ihres Klosters, in: Mein Waldeck, Beilage der Waldeckischen Landeszeitung für Heimatfreunde, 1988, Nr. 22. SCHÄFER gibt jedoch keine Quelle für diese Annahme an. Gerhard NEUMANN, Korbach im ausgehenden Mittelalter, Waldeckische Historische Hefte, Band 7, Waldeckischer Geschichtsverein e.V. (Hrsg.), Arolsen 1997, S. 44, hält die Angaben von SCHÄFER für "äußerst unwahrscheinlich".
[5a] Hilmar G. STOECKER, Von stillen Klostermauern zur modernen Schule, in: Klosterglöcken - Nachrichten für die Mitglieder des Vereins ehemaliger Korbacher Gymnasiasten, 22. Jahrgang, Nr. 3/1955, S. 29-32 (mit zwei Skizzen) und 26. Jahrgang, Nr. 3+4/1959, S. 16-17; vgl. auch Wilhelm HELLWIG, Wie sah das Korbacher Kloster aus?, in: Klosterglöckchen - Nachrichten für die Mitglieder des Vereins ehemaliger Korbacher Gymnasiasten, 17. Jahrgang, Nr. 2/1950, S. 9-10, mit einer Grundrißskizze.
[6] Vgl. Walter HELLWIG, Ein Toter erwacht zu neuem Leben! - Erkundung eines Grabsteins auf dem Schulhof der ehemaligen ALS, in: Klosterglöckchen - Nachrichten für die Mitglieder des Vereins ehemaliger Korbacher Gymnasiasten, 82. Jahrgang, Nr. 3, Dezember 2015, S. 9; Ursula WOLKERS (Bearb.), Korbach - Ein Rundgang durch die alte Stadt, Wilhelm Bing Verlag/Magistrat der Stadt Korbach (Hrsg.) 1999, S. 51; Wolfgang MEDDING, Baudenkmäler und Kunstschätze der 1000-jährigen Stadt Korbach, Ludwig Bing (Hrsg.) um 1980, S. 44. Ob ein verwandtschaftliches Verhältnis zu dem Abt des Klosters Steinfeld, Johann III. von Altena (Amtszeit: 1468–1483), dem Grafengeschlecht von Altena (Märkischer Kreis) oder der Herrschaft Altena (Nordbrabant) besteht oder der Name - wie häufig bei Geistlichen - nur auf den Herkunftsort hindeutet, ist nicht geklärt.
[6a] Hermann THOMAS (Bearb.), Die Häuser in Alt-Korbach und ihre Besitzer, Heft 8, Rathausgasse - Im Paß - Im Tempel - Kilianstraße, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1961, Stadtarchiv Korbach (Hrsg.) 1961, S. 41.
[7] Zitiert nach HELLWIG (wie Anm. 6).
[8] HELLWIG (wie Anm. 6).
[9] Vgl. Ralf Michael NICKEL, Zwischen Stadt, Territorium und Kirche: Franziskus‘ Söhne in Westfalen bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Dissertation, Bochum 2007, S. 727, 917; HELLWIG (wie Anm. 6); Gerhard NEUMANN, Kirche und Gesellschaft in der Grafschaft Waldeck am Ausgang des Mittelalters, Waldeckische Forschungen - Wissenschaftliche Reihe des Waldeckischen Geschichtsvereins, Band 11, Bad Arolsen 2001, S. 153.
[10] NICKEL (wie Anm. 9), S. 727; vgl. auch HELLWIG (wie Anm. 6).
[11] NEUMANN (wie Anm. 9); Wolfgang MEDDING, Korbach - Die Geschichte einer deutschen Stadt, 2. Auflage 1980, S. 153, kennt Jakob von Altena hingegen nicht und meint, Kaspar Nagel sei sogleich auf Altenas Vorgänger, Antonius Attendorn, gefolgt; ebenso: Sabine MAIER, Der Franziskus-Altar zu Niederwaroldern - Erkenntnisse zu Bildentstehung und Maltechnik in der Spätgotik, Waldeckischer Geschichtsverein (Hrsg.), Arolsen 1995, S. 17.
[12] Victor SCHULTZE, Der Bettelmönch Johann Heller aus Corbach, in: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont, Band 22 (1925), S. 63-75; Cajetan SCHMITZ, Der Observant Joh. Heller von Korbach. Mit besonderer Berücksichtigung des Düsseldorfer Religionsgesprächs vom Jahre 1527. Anhang: Neudruck der "Handlung und Disputatio" und Hellers "Antwort", in: Reformationsgeschichtliche Studien und Texte (RGST), herausgegeben von Joseph Greving, Band 23, Münster 1913.