Die weiße Frau - Sage (Korbach)

"Die weiße Frau" ist eine Sage aus Korbach, die im Haus Katthagen 13 spielt.

Inhalt

Das Haus Katthagen 13 im März 2015.

Der Worlaut der Sage nach Wilhelm Hellwig lautet wie folgt: [1]

"Vor vielen, vielen Jahren lebten in dem großen alten Hause im Katthagen, das über 100 Jahre der Familie Schwalenstöcker gehörte, ein reicher Kaufmann und seine Frau. Der Kaufmann war ein angesehener Mann, und seine Frau war herzensgut und tat viel Gutes an den Armen in der Stadt. Doch all sein Geld hätte der Kaufmann gerne hergegeben, wenn er nur einen Sohn oder eine Tochter gehabt hätte. Täglich betete die Frau darum, aber sie bekamen kein Kind, und die Verwandten freuten sich schon auf das reiche Erbe, das ihnen einmal zufallen würde.

Endlich aber erhörte Gott die Bitten der Eheleute, und die Frau gebar einen gesunden und kräftigen Sohn. Die Freude der Eltern war groß, aber ein hitziges Fieber ergriff die Frau, so daß sie nach wenigen Tagen starb. Der Mann war untröstlich und wäre wohl in ein Kloster gegangen, wenn er das Kind nicht gehabt hätte. Doch erst nach Jahren heiratete er wieder, um dem Kinde eine neue Mutter zu geben.

Die zweite Frau des Kaufmanns war sehr stolz und schön anzusehen, aber in ihrem Herzen habgierig und böse. Sie brachte auch einen Sohn von 3 Jahren mit in die Ehe und hätte gern gesehen, wenn der allein das große Haus und das Vermögen geerbt hätte. Darum sann sie darüber nach, wie sie das Kind der ersten Frau umbringen könnte.

Als der Kaufmann wieder einmal für längere Zeit verreist war, da geschah es, daß dieses Kind sich über das Treppengeländer lehnte und seinen Ball hinunter auf den Flur warf. Da stieß das böse Weib das Kind über das Geländer. Es fiel auf die Steinplatten des Flures und blieb blutüberströmt tot liegen. Die Frau erhob ein großes Wehgeschrei, und das Gesinde lief herbei und sah das Unglück. Alle glaubten, das Kind sei beim Spielen über das Geländer gefallen und bedauerten die Stiefmutter. Neben seiner Mutter wurde das arme Kind beerdigt, und viele Leute gingen mit auf den Kirchhof.

Obwohl ein reitender Bote dem Vater nachgeschickt worden war, kam dieser erst 14 Tage später nach Korbach. Er war untröstlich und machte seiner Frau heftige Vorwürfe. Diese hatte unterdessen vergeblich versucht, die Blutspuren auf den Steinplatten zu beseitigen, aber alles Scheuern und Putzen wollte nicht helfen. In seinem Schmerz hatte der Mann bisher noch nicht darauf geachtet, aber die Mägde und Knechte hatten es bemerkt und erzählten davon in der Stadt. Eines Nachts wachte der Kaufmann auf. Seine Frau war nicht im Schlafzimmer. Da ging er hinaus und sah, daß sie unten auf dem Flur kniete und scheuerte. Und je heftiger sie rieb, desto leuchtender wurden die Blutflecken. Als der Kaufmann daraufhin seine Frau anrief, schrie sie laut auf, brach schluchzend zusammen und gestand ihre Schuld.

Da sprach der Mann: 'Du hast den Tod verdient.' Er ließ sie lebendig im tiefsten Keller seines Hauses einmauern. Seitdem sah man nachts zwischen zwölf und eins oft eine weiße Frauengestalt auf dem Flur knien und die Platten abreiben. Das war die böse Frau, die in ihrem Grabe nicht eher Ruhe fand, bis die Blutflecken auf den Steinen verschwunden waren.

Vor dem letzten Kriege sah man die weiße Frau noch. Dann wurden die alten ausgewaschenen und abgetretenen Steinplatten herausgebrochen, und der Flur bekam einen neuen Plattenbelag. Seitdem hat niemand mehr die weiße Frau gesehen. Im untersten Keller aber findet man heute noch den Eingang zu einem verfallenen Gang. Er soll einst zu der Stelle geführt haben, wo die böse Frau lebendig eingemauert wurde." [2]

Im Gegensatz zu vielen anderen Korbacher Sagen ist hier ein realer Hintergrund nicht auszumachen. Unter den lückenlos bekannten Eigentümern des Hauses ist kein Kaufmann ersichtlich, dessen erste Ehefrau nach der Geburt des einzigen Kindes gestorben ist und in dessen zweite Ehe der Tod dieses Kindes fällt.

Auch im benachbarten Spukhaus soll ein Geist umhergegangen sein. Hiervor berichtet die Sage vom Spukhaus in Korbach.

Anmerkungen

[1] Wilhelm HELLWIG, Märchen aus Korbach und der Waldeckischen Heimat, 1. Auflage, Korbach 1977, S. 30-33.
[2] Der verfallene Gang ist wohl ein sogenannter Fluchtgang, der entweder ins Freie oder in einen benachbarten Keller führte; solche Gänge gibt es in Korbach auch in anderen Häusern (HELLWIG, wie Anm. 1).